Rezensionen
Das ist wahrscheinlich der Grund warum du hier bist.
Hier findest du meine Rezensionen:
„Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“
von Maxim Leo
Was bezeichnen wir als Wahrheit? Eine Übereinstimmung von Aussagen zu einem Sachverhalt? Oder ist die Wahrheit das was die meisten Menschen als die Wahrheit ansehen?
Der mittellose Videothekenbesitzer Hartung, fällt einem Journalisten in die Hände der eine aufregende Story wittert. Vor einigen Jahrzehnten passierte Hartung als Mitarbeiter der Bahn Berlin-Ost ein Missgeschick. Dies sorgte dafür, dass 127 DDR Bürger mit der S-Bahn plötzlich in den Westen fuhren. Passend zum 30. Jahrestag des Mauerfalls lässt sich daraus natürlich eine wunderbare Story machen, findet der Journalist Landmann. Und so entsteht der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse. Die Dynamik der Story hat ihre eigene Komik. Vorurteile der Wessis nähren die Lüge ebenso, wie Hartungs Geldsorgen und die Eitelkeiten des Journalisten Landmann. Und so wird plötzlich aus dem genügsamen Hartung ein umjubelter, doch unentdeckter Hochstapler. Aber wem macht er etwas vor? Wem schadet er? Ist die Wahrheit wichtig, oder ist die Geschichte die ein gutes Gefühl vermittelt und den Menschen Hoffnung gibt nicht ebenso berechtigt zu existieren?
Maxim Leo ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Er versteht es die Eigenheiten der „Ossis“ und „Wessis“ zu karikieren, Politiker blass, Verbrecher böse und die Liebe rein aussehen zu lassen. Der Roman unterhält auf rührende Art und Weise und gibt doch auch etwas über uns preis. Denn manchmal ist es gar nicht die Wahrheit die wir hören wollen, sondern die Geschichte die uns mehr gibt als die Wahrheit.
"Dschinns"
von Fatma Aydemir
In der islamischen Vorstellung leben die Dschinn als unsichtbare Wesen mitten unter den Menschen. Nur in besonderen Ausnahmesituationen werden sie sichtbar. Fatma Aysemir erzählt uns von einer kurdischen Familie, deren einzelne Mitglieder in ihrem eigenen Mikrokosmos leben. Schnittpunkt in dieser Geschichte ist der Familienvater Hüseyin. Als junger Mann kam er nach Deutschland um hier in einer Fabrik durch harte Arbeit sein Geld zu verdienen. Sein Leben lang hat er sich und seiner Familie kaum etwas gegönnt um später seinen Lebensabend in einer Istanbuler Eigentumswohnung verbringen zu können. Doch dann, endlich am Ziel, bricht er in dieser Wohnung zusammen und stirbt. Die gesamte Familie reist an um Abschied zu nehmen. Doch jedes Familienmitglied bringt seine eigene Geschichte mit. Und ebenso wie die für uns nicht sichtbaren Dschinn begreifen wir, dass auch die sichtbaren Menschen viel umgibt, dass für andere unischtbar bleibt. Alle Lebenswege sind ineinander verwoben und dennoch einzigartig.
Fatma Aysemirs Erzählstil hat eine bedrückende und brodelnde Stimmung heraufbeschworen. Der Tod lässt die Lähmung schwinden und macht sichtbar was unter Masken verborgen lag, um dann in einer Erschütterung zu gipfeln. Großartige Literatur die mit sanften Tönen auskommt.
"Das Buch der Nacht"
von Bernd Brunner
Bestimmt 100 Mal musste ich meinem Sohn früher das Buch „Wenn es Dunkel wird“ vorlesen. Und genauso wie die kleinen Leute sind auch wir Erwachsenen immer noch fasziniert von der Nacht. Wirkt doch alles Vertraute plötzlich fremd und unheimlich. Aber was weiß man schon wirklich über diese dunkle Zeit? Bernd Brunner hat sich hier in diesem Sachbuch der Nacht gewidmet. Das Buch „beleuchtet“ die Nacht auf viele verschiedene Weisen. Nicht nur wissenschaftlich, geschichtlich sondern auch literarisch. Ganz fasziniert habe ich viel Neues und Erstaunliches gelernt. So gibt es Pflanzen, die ihre Blüten nur in der Nacht öffnen. Oder, dass früher in der Nacht andere Gesetze als am Tag galten. Für ein Verbrechen, das in der Nacht geschah, erhielt man härtere Strafen als am Tag. Aber auch die Veränderung des Biorhythmus von Mensch und Tier der durch die Beleuchtung der Nacht geschieht oder ein Kapitel über die Muse der nächtlichen Lesestunden wird in dem Buch behandelt. Für mich hat dieses Buch einen Zauber in den Alltag gebracht. Ich sehe die Nacht nun mit anderen Augen, da vieles was dem Auge verschlossen bleibt plötzlich sichtbar wird. Aber nicht nur inhaltlich ist dieses Buch ein Erlebnis. Auch das Design ist grandios. Der Einband schillert wie ein Sternenhimmel und die Buchseiten simulieren durch ihre Farbgebung den Verlauf einer Nacht vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang. So fühlt man sich wunderbar durch die Nacht begleitet. Ein ganz tolles Buch, dass mir nicht nur wunderschöne Lesestunden beschert hat, sondern mich auch zu Nachtwanderungen animiert hat.
"Die falsche Zeugin"
von Karin Slauther
Leigh ist eine erfolgreiche Anwältin und lebt ein spießiges, amerikanisches Vorstadtleben. Aber sie liebt es wie es ist, denn ihre Kindheit war geprägt von Gewalt und Angst. Doch dann tritt plötzlich ein Mandant in ihr Leben, den sie noch aus ihrer Vergangenheit kennt. Er droht ihr mühsam aufgebautes Leben zu zerstören und ihre Lebenslüge zu enttarnen. In einem mächtigen Strudel aus Gewalt, Zerstörung, Macht und Kampf schraubt sich diese Geschichte immer weiter, bis einem die Explosion bald schon eine Erlösung scheint. Karin Slaughter bleibt sich auch in diesem neuen Thriller treu. Ihre Protagonisten sind kaputte Gestalten, die dennoch durch ihre Leidenschaft innerlich brennen und damit ein zerstörerisches Potenzial entwickeln. Trotz der sommerlichen Hitze wirkt Atlanta düster und bedrückend und zwischen reichen und armen Bewohnern scheint es keine Mittelschicht zu geben. Aber genau so kenne und liebe ich die Bücher von Karin Slaughter. Von ihnen geht ein ungeheurer Sog aus, der einen innerhalb kürzester Zeit locker bis zu 600 Seiten wegsuchten lässt. Und aus denen man am Ende selbst verstört wieder auftaucht.
„Mecklenburg-Vorpommern mit dem Faltboot, Fahrrad und zu Fuß“
von Jürgen Otto Günther
In drei Etappen, 27 Reisetagen, 898 Kilometern erkundet Jürgen Otto Günther Mecklenburg-Vorpommern. Dies allein klang für mich schon herausfordernd und doch auch irgendwie inspirierend. Eine längere Zeit auf langsame Art und Weise durch ein Bundesland zu reisen, dass so vielfältig ist stellte ich mir irgendwie idyllisch vor. Doch was ich fand war doch viel weitreichender und unerwarteter. Dieses Buch hat auch beim Lesen so einiges mit mir gemacht. Während Jürgen über stille einsame Flüsse schipperte kehrte auch in mir Ruhe und Entspannung ein. Der Autor nimmt uns nicht nur mit durch die Mecklenburger Landschaft, sondern auch durch seine Gedanken- und Gefühlswelt. Und damit hat er mir zutiefst aus der Seele gesprochen. Seine Suche nach Stille, Einsamkeit und Harmonie in der Natur und der ständige ungeliebte Wechsel zur lauten und aufdringlichen Zivilisation trifft den Zeitgeist unserer Gesellschaft. Neben einem wunderschönen und poetischem Reisebericht erwarten den Leser auch viele Gedanken zum Sein und Vergangenen. Und es rührt etwas in einem an, dass nach Einsamkeit und Innehalten verlangt. Sicherlich ist eine derartige Reise an den unterschiedlichsten Flecken der Erde möglich. Aber warum sollte man nicht einfach vor der eigenen Haustür beginnen?
Dies war wieder eines der Bücher die mir mehr gegeben haben als ich erwartete und das mich mit seiner Tiefgründigkeit und anrührenden Art überraschte.
Schöne neue Welt
Die Welt hat sich verändert. Das Sozial- und Gesundheitssystem und die Sorge um die Schwachen der Gesellschaft haben die Menschheit fast ausgerottet. Nun regieren die Starken über die Schwachen. Wer zur Elite gehört dem ist ein luxuriöses Leben sicher. Wer krank oder schwach ist der ist dem Untergang geweiht. Die junge Yma wächst in dieser unbarmherzigen Welt auf. Doch sie ist Jahrgangsbeste und ihre Zukunft sieht rosig aus. Doch dann macht sie eine Bekanntschaft, die sie vor die Wahl stellt und ihr bisheriges Leben auf den Kopf.
Das Buch ist unglaublich fesselnd und spannungsgeladen. Die Grausamkeit dieser Welt erzeugt Übelkeit. Doch während des Lesens konnte ich nicht aufhören Paralellen zu unserer Welt zu ziehen. In „Broken World“ sind die Slums, in denen die Ausgestoßenen in Fabriken arbeiten müssen um den Reichen zu dienen, nur wenige Kilometer entfernt. In unserer Welt jedoch auch nur einige Flugstunden. Und so hatte dieser Roman für mich auch viel Gesellschaftskritisches ohne mit dem erhobenen Finger zu tadeln. Jana Voosen hat uns hier eine Welt gezeigt, die sicher niemand von uns erleben möchte und auch gleich den Schlüssel gegen eine solche Gesellschaft mitgeliefert: Mitgefühl.
Ein neues Leben
Nach dem wirklich wunderbaren ersten Teil „Soweit die Störche ziehen“ war für mich klar, dieses Buch muss ich unbedingt lesen. Und es hat meine Erwartungen noch weit übertroffen.
Sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versucht die junge Dora wieder Fuß zu fassen. Von ihrem alten Leben in Ostpreußen ist, bis auf wunderschöne Erinnerungen, nicht viel übrig geblieben. Die Twardys sind froh überhaupt mit dem Leben davon gekommen zu sein. Doch Dora gibt nicht auf. Sie möchte Tierärztin werden. Die Humboldt Universität in Ost-Berlin gibt ihr als Frau als einzige eine Chance. So macht sie sich mit ihrer Ziehtochter Clara auf nach Berlin. Auch immer in der Hoffnung ihre große Liebe Curt wiederzufinden. Doch schon bald lernt sie die Schattenseiten des DDR Regimes kennen.
Kennt ihr das Gefühl, als wenn ein Buch nur für euch geschrieben wurde? So erging es mir mit diesem Buch. Schon der erste Teil hat mich tief berührt. Ich hatte damals, dass Gefühl die Geschichte meiner Großeltern erzählt zu bekommen. Bei diesem zweiten Buch war ich total erstaunt zu lesen, dass Dora in Berlin Tiermedizin studieren wird. Denn das war auch mein Lebensweg. Ich kenne alle Orte der Universität genau und habe selber unzählige Stunden auf dem Campus verbracht. Auch unsere Familie, war durch die Mauer getrennt und auch wir haben diese Ängste und Schikanen erleben müssen. So wie es in diesem Buch beschrieben wird, so war es wirklich und genauso habe ich es empfunden. Es war einfach eins dieser Bücher von denen man nicht möchtet, dass sie enden.
Unbarmherziges Land
von Chris Offutt
Rein nüchtern betrachtet, handelt es sich um einen klassischen Krimi: Jemand wird ermordet und jemand anderer versucht herauszufinden wer es war. So weit so gut. Dieses Kriterium wurde hier erfüllt. Jedoch ist dies nicht das Hauptthema des Buches (so kam es mir zumindest vor). Es ging viel mehr um die Menschen in Kentucky. Also um ihre Art und Weise zu leben und ihre Einstellung zum Leben. Und da muss ich sagen, trifft der Titel ziemlich genau ins Schwarze: Unbarmherzig. Die Menschen in diesem Buch waren wortkarg, misstrauisch und unnahbar. Irgendwie kalt und verroht. Und einen besonders gebildeten Eindruck machen sie auch nicht, eher ziemlich einfach. Ich hatte die ganze Zeit die typischen Clint Eastwood Filme im Kopf.
Die Hauptfigur des Romans ist Mick. Ein Mann in den Dreißigern. Er ist verheiratet mit Peggy. Doch die sieht er so gut wie nie. Denn er ist beim Militär und in Deutschland stationiert. Seine Schwester Linda ist Sheriff im County und bittet ihn bei einem Mordfall um Hilfe. Nebenbei kann er dann auch gleich seine privaten Angelegenheiten klären. Mick hat mich durch seine Art und Zielstrebigkeit beeindruckt. Und dennoch konnte ich seine Lebensweise und viele seiner Entscheidungen nur schwer nachvollziehen. Das Buch ist gut geschrieben und es zeigt eine Seite der USA, fernab von Show und Glamour. Nur leider kann ich waffenaffinen, rachsüchtigen und verrohten Menschen nicht viel abgewinnen. So konnte mich das Buch nicht überzeugen. Es ist nicht schlecht, aber einfach nicht mein Geschmack.
Eine Liebe zwischen den Fronten
Madleine ist Französin und liebt den Berliner Arzt Paul. Doch dann beginnt 1870 der deutsch-französische Krieg. Das Liebespaar wird getrennt. Paul muss als Stabsarzt an die Front und Madleine flieht in ihre Heimatstadt Metz. Doch die deutschen Truppen dringen nach Lothringen vor und Madleine und ihre Familie müssen um ihr Leben fürchten, während Paul auf der anderen Seite steht und hilflos zusehen muss. Die Autorin hat auch in diesem Roman unglaublich gute Recherchearbeit betrieben und die geschichtlichen Fakten geschickt in die Geschichte eingearbeitet. So hat man hier das Vergnügen sowohl eine emotional berührende Geschichte zu lesen als auch historische Fakten nebenbei aufzunehmen. So wird Bismarck zum Leben erweckt und auch weniger bekannte Helden/innen bekommen eine Stimme. Maria W. Peter hat auch diesen Roman mit viel Herzblut geschrieben. Man spürt die Liebe zu ihren Figuren und die Poesie in den Szenen.
Für mich war dieser Roman in jedem Fall eine Bereicherung. Die Geschichte hat mich sehr berührt und gefesselt. Und ich habe durch das Buch einen Teil der deutsch-französischen Geschichte erlebt, der mir bisher nur durch trockene Fakten aus der Schule bekannt war.
Mit dir leuchtet der Ozean
Eigentlich wollte ich ja gerade etwas ganz anderes lesen, doch dann fiel mir dieses Buch in die Hände und ich konnte einfach nicht mehr aufhören.
Was für ein unglaublich guter Sommerroman.
Penny wird von ihrer besten Freundin überredet in einer Ferienclubanlage auf Fuerteventura zu arbeiten. Dumm nur, dass die sich vorher das Bein bricht und Penny nun alleine auf die Kanarische Insel fliegt. Als sie in der All-happy Ferienidylle ankommt, ist sie völlig überrumpelt Milo wiederzusehen. Den kennt sie nur als verschlossenen, mysteriösen Typen aus ihrer Schulzeit. Und die beiden verbindet ein ziemlich aufregendes Partyerlebnis.
Viel Sommer, Sonne, Strand, Herzflattern und Pastell.
Ich liebe es manchmal einfach mich in solchen Büchern zu verlieren und mich mitten im Coronaalltag nach Fuerteventura zu träumen. Lea Coplin hat einen wunderbar leichten und fließenden Schreibstil. Man spürt die Liebe die sie ihren Charakteren entgegenbringt. Ich konnte mich vollkommen in den Zeilen verlieren.
Träume von Freiheit- Ferner Horizont
von Silke Böschen
Spielort ist die amerikanische Kolonie in Dresden im 19. Jahrhundert. Florence de Meli ist mit einem ziemlich abscheulichen, jedoch reichen Ehemann verheiratet unter dem sie einiges auszuhalten hat. Ihr Lichtblick sind ihre geliebten Kinder Minnie und Henry. Doch ihr Ehemann und ihre bösartige Schwiegermutter wollen sie loswerden und hecken einen perfiden Plan aus.
Ein Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit entfacht und treibt Florence immer weiter weg von ihren Kindern und ihrer Heimat Dresden.
Silke Böschen thematisiert in ihrem Roman die Unfreiheit der Frauen im 19. Jahrhundert. Als Ehefrau hatte sie sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Eigene Wünsche und Bedürfnisse waren nicht erwünscht. Die Gesellschaft war starren Regeln und Ordnungen unterworfen. Auch vor dem Gesetz war der Mann der Vormund der Frau. Ohne seine Erlaubnis durfte sie kaum etwas. Der Roman hat mir wieder eindrücklich vor Augen geführt unter welchen Bedingungen Frauen noch vor gut 140 Jahren lebten. Für mich in der heutigen Zeit als Frau undenkbar. Und dennoch ist es nicht das graue Mittelalter sondern die Generation unserer Urgroßmütter. Die Erzählung fußt auf einer realen Persönlichkeit. Dies macht die ganze Geschichte umso dramatischer und läßt einem als Mutter das Herz zusammenziehen. Umso schöner finde ich es, dass Silke Böschen Florence de Meli mit diesem Roman eine unschätzbare Ehrung zuteil werden ließ. Florence wäre sicher sehr stolz auf diesen großartigen Roman.
Viktor
von Judith Fanto
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Beide handeln von und mit der jüdischen Familie Rosenbaum/van den Berg. Die erste Zeitschiene beginnt vor dem zweiten Weltkrieg in Wien. Zentrale Figur ist der junge Mann Viktor (Sohn der Rosenbaums). Er lebt sein Leben unkonventionell und mit viel Kreativität, Witz und Charme. Auch wenn nicht immer alles ganz nach den strengen Rechtsordnungen des Staates zugeht, muss man doch ständig schmunzeln. Denn er bereichert sich nicht um seiner Selbstwillen, sondern hat immer das Wohl der Schwächeren im Blick. Doch dann kommt Hitler in Deutschland an die Macht und auch das Leben in Wien ändert sich radikal. Die jüdischen Bürger sind Schikanen und Gewalt machtlos ausgeliefert. Auch Viktors Familie bekommt dies zu spüren. Doch ein Teil dieser Familie kann sich durch eine Flucht nach Belgien retten.
Die überlebende Familie lebt in den Niederlanden. Und hier beginnt der zweite Handlungsstrang in den 1990er Jahren. Im Mittelpunkt steht hier die junge Geertje. Ihre jüdischen Wurzeln sind ihr bewusst, doch versucht ihre Familie diese wie einen Makel zu verstecken. Und so gerät sie zunehmend in eine Identitätskrise. Sie begibt sich auf Spurensuche um die Vergangenheit ihrer Familie zu erforschen und damit das Schweigen zu brechen.
Der Roman war unglaublich aufwühlend. Beide Handlungsstränge hatten mich schon nach kurzer Zeit total gefesselt. In kurzen Kapiteln wurde zwischen den Zeitebenen hin und her gesprungen. Die Autorin hat beide so perfekt miteinander verknüpft, dass es sich dennoch wie eine Geschichte las. Die Figur „Viktor“ war unglaublich witzig, spontan und liebenswert. Ein Mensch, denn man gerne gekannt hätte und dessen Schicksal sehr berührt. Die junge Geertje ähnelt ihm in ihrer Unerschrockenheit. Durch sie werden in dem Buch Dinge angesprochen, die kaum öffentlich diskutiert werden. Das Leiden der zweiten Generation, die Übertragung von Traumata auf die Kinder und das Gefühl von Schuld bei den Opfern. Ihre Suche nach der Geschichte ihrer Familie war für Geertje eine Suche nach sich selbst. Sie hat dem Leser damit vor Augen geführt, dass niemand als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt. Jeder Mensch trägt die Schatten der Vergangenheit in sich und gibt sie an seine Kinder weiter. Geschichte ist nicht nur Vergangenheit sondern auch Gegenwart.
Schwarzwälder Morde
Langeweile macht sich breit auf der schwäbischen Polizeidienststelle. Doch dann findet eine Seniorenwandertruppe eine Moorleiche und ein Kirschschnapsproduzent führt einen bedrohlichen Nachbarschaftsstreit. Der Kommissar Justin Schmälzle und sein Kollege Harald Scholz beginnen die losen Fäden zu einem Ganzen zusammenzubinden. Doch das ist gar nicht so leicht, denn die Moorleiche fiel vor 150 Jahren dem Täter zum Opfer und der Nachbarschaftsstreit hat ebenfalls eine lange Geschichte und ist ziemlich verworren.
Die Autorin Linda Graze hat es bei mir geschafft sofort den mystischen Schwarzwaldzauber auszulösen. Durch viel Dialekt und regionales Flair musste ich oft schmunzeln und fühlte mich als Nicht-Schwabe gut unterhalten und verstanden. Der Schreibstil der Autorin ist etwas eigenwillig. Wäre es ein Musikstück würde man es wohl als Staccato bezeichnen. Die Sätze sind kurz und zackig, wie aneinandergereihte Gedanken.
Die Geschichte hatte für mich einige Längen, die sie meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Die Rückblicke in die Vergangenheit fand ich sehr gelungen und haben das etwas unheimliche am Schwarzwald hervorgerufen. Alles in Allem also ein gelungener Regionalkrimi für Schwarzwaldfans.
Fortunas Rache
von Maria W. Peters
„Fortunas Rache“ ist der erste Teil der Invita-Reihe. Für mich war es jedoch das zweite Treffen mit Invita und der römischen Kultur. Und ich war auch hier wieder begeistert.
Invita ist Sklavin im Hause des Stadthalters. Für eine Sklavin ist sie sehr gebildet, denn sie kann lesen und schreiben. Und auch sonst hat sie ihren eigenen Kopf. Aber vor allem ist sie sehr neugierig. Das wird ihr leider immer wieder zum Verhängnis, denn mit ungehorsamen Sklaven gingen die Römer nicht zimperlich um. Besonders der Sklavenaufseher Celsus hat es auf Invita abgesehen und schikaniert sie permanent. Und dann verschwindet auch noch ein Sklave aus dem Haushalt spurlos. Der Verdacht fällt natürlich auf Invita, etwas damit zu tun zu haben. So bleibt ihr nicht anderes übrig, als sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit zu machen, um ihre eigene Haut zu retten.
Ich bin total begeistert von dieser alten römischen Welt. Früher war ich mir nie so sicher ob das Genre der historischen Romane etwas für mich ist. Aber Maria W. Peter hat mich mit ihrer Invita-Reihe total überzeugt. Sie bewegt sich sicher und wie selbstverständlich in dieser längst vergangenen Zeit. Dadurch wirken die Charaktere unheimlich lebensecht und nah. Und ganz nebenbei lernt man viel ohne belehrt zu werden. Die Story ist spannend und fesselnd und hat dadurch bei mir das „Nur-noch-ein-Kapitel-Phänomen“ hervorgerufen. Invita muss man einfach nur mögen. Sie ist unglaublich sympathisch, tapfer und mutig. Ich kann nur hoffe noch viele Abenteuer mit ihr erleben zu dürfen.
Enriettas Vermächtnis
von Sylvia Madsack
Enrietta da Silva, eine prominente Schriftstellerin, stirbt und hinterlässt ihr Vermögen. Bedacht in ihrem Testament hat sie ihre Ziehtochter Jana und einen langjährigen Freund, mit dessen Vater sie lange zusammengelebt hat. Doch was sie verschweigt ist viel wichtiger, nämlich ihren leiblichen Sohn. Seine Geschichte ist tragisch und beginnt in Argentinien.
Mir hat besonders der Erzählstil der Autorin gefallen. Er war so weich und melodisch. Man fühlte sich beim Lesen getragen wie in einem Fluss. Auch die Charaktere waren sehr interessant gestaltet. Es war nicht alles so wie es auf den ersten Blick scheint. Man lernte die einzelnen Protagonisten, durch die Augen der anderen Protagonisten kennen. Vieles blieb jedoch auch rätselhaft. Manches war nur schwer zu erfassen. Schon während des Lesens habe ich viel über die Geschichte nachgedacht und auch nun zum Ende bin ich mir noch immer nicht so ganz im Klaren was ich davon halten soll. Ich habe das Gefühl, es wurde nicht alles gesagt, nicht alles erzählt. Vielleicht besteht dieses Gefühl meinerseits auch nur, weil ich gerne noch mehr über die Charaktere gewusst hätte, neugierig auf ihr vorangegangenes Leben bin. Und als etwas unbefriedigend empfinde ich es auch, das Enrietta so davon kommt. Trotz meines eigenen Gefühlschaos muss ich sagen, dass dieses Buch in jedem Fall lesenswert ist.
Die Nachtbushelden
von Onjali Q. Raúf
Die Geschichte der „Nachtbushelden“ spielt in London. Dort lebt der 10 jährige Hector mit seinen Eltern und Geschwistern. Seine Eltern sind nur selten zu Hause und er fühlt sich eher unbeachtet. Wahrscheinlich genau aus diesem Grund ist er ein echter Rüpel. Er mobbt seine Mitschüler und ist respektlos seinen Lehrern gegenüber. Das Verhalten bringt ihn nur noch weiter in seine Außenseiterrolle. Um seinen Frust loszuwerden sucht er sich ein neues Opfer, und das ist ausgerechnet der obdachlose Thomas. Durch einen tragischen Zwischenfall verknüpfen sich ihre Lebenswege. Ein weitere Handlungsstrang beschreibt Diebstähle von wertvollen Skulpturen in der Londoner Innenstadt. An den Tatorten werden Zeichen, die man von der Geheimschrift Obdachloser kennt, zurückgelassen. Dies führt natürlich dazu, dass nun die Obdachlosen in Verdacht geraten. Und auch Hector ist nicht ganz unschuldig, dass sich dieser Verdacht erhärtet. Doch dann kommt alles anders und die Geschichte nimmt eine spannende Wendung.
Ich habe das Buch zusammen mit meiner Tochter gelesen. Wir fanden das Buch großartig. Es enthält einfach viele neue Perspektiven. Wir erleben die Welt aus der Sicht eines Mobbers. Und einerseits findet man ihn schrecklich, aber andererseits hat man auch Mitleid. Er ist nicht einfach nur böse, sondern hat ganz bestimmte Gründe für sein Handeln. Hinter dem Begriff der Obdachlosen haben wir ganz tolle Menschen kennengelernt. Persönlichkeiten mit einer bewegenden Geschichte. Aber auch Menschen die sich helfen und unterstützen. Es ist ein besonderes Kinderbuch, welches in keinem Familienbücherregal fehlen sollte.
Geteilte Träume
von Ulla Mothes
Im Jahr 1992 ist Ingke gerade einmal 18 Jahre. Es ist kurz nach der Wende. Aufgewachsen ist Ingke in Ost-Berlin. Durch einen Zufall erfährt sie, dass sie adoptiert ist. Eine Welt stürzt für sie zusammen, denn sie fühlt sich betrogen. Aber sie ist auch neugierig und möchte ihre Mutter und ihre „andere“ Familie kennenlernen. Doch hinter der Geschichte ihrer Mutter tun sich Abgründe einer schrecklichen Tragödie auf. Ausgelöst durch großes Unrecht, dass ihr und ihren Eltern in der DDR widerfahren ist.
In jeder Zeile spürt man die Liebe der Autorin zu ihren Protagonisten. Sie zeichnet die Charaktere lebensecht, mit viel Feingefühl. Mir hat besonders gut gefallen, dass es hier kein klares Gut und Böse gibt. Alle sind Menschen mit ihren Starken, Schwächen, Fehlern, Ängsten und Träumen. Jede Handlung ist nachvollziehbar und auf ihre Weise verständlich. Durch diese Nähe zu den Protagonisten, bekommt man einen guten Einblick in das Leben in der DDR mit einer aufgezwungenen Gesellschaftsform, mit der nicht jeder sympathisieren konnte. Menschen die Willkür und Unrecht ausgesetzt waren. Und jeder der es selber erlebt hat, kann nach der Lektüre dieses Buches nur sagen: Ja so war das!
Mich hat es unglaublich berührt und gefesselt. Selbst Kind der Wendezeit habe ich mich schon gleich auf den ersten Seiten zu Hause gefühlt. Aber neben der Freude über dieses Gefühl, war da auch die Beklemmung, und damit ein weiteres Gefühl von damals. Und ich habe mich wieder daran erinnert wie es war durch eine Mauer getrennt von einem großen Teil der Familie zu sein. Wenige Kilometer entfernt führten sie ein völlig anderes Leben als wir. Wir waren uns räumlich so nahe und wurden doch immer mehr entfremdet. Und genau diesen Umstand schafft es Ulla Mothes einzufangen und zu skizzieren. Und so wird aus einem Gefühl, geschriebenes Wort, dass einen tief berührt.